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Führungsaufgabe Ideenmanagement - Unternehmer stellen ihre Konzepte und Erfahrungen vor

Dieter Thorhauer
Merkur Thorhauer Stiftung & Co. KG, Frankfurt/M.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Als ich Ende Oktober vergangenen Jahres im Frankfurter Römer den Denkerpreis des Deutschen Institutes für Betriebswirtschaft entgegennehmen durfte, da waren wir alle schon ein bißchen stolz auf diese Auszeichnung.

Das gilt vor allem für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihr kreatives Potential immer wieder aktivieren und durch realisierbare Ideen Innovationen auf den Weg bringen und damit dazu beitragen, daß wir sparsamer, effektiver, umweltorientierter, sicherer und möglichst unfallfrei arbeiten.

Dieser Denkerpreis, der ja nach streng reglementierten Kriterien vergeben wird, ging bis dahin meist an große Industrieunternehmen wie Opel, Siemens und IBM. Mit der Verleihung an Merkur hat diesen Preis erstmals ein mittelständisches Unternehmen bekommen. Und es war für uns schon etwas ganz Besonderes, für unser Engagement auf dem Gebiet des ldeenmanagements so geehrt zu werden.

(Chart Nr.1: Merkur: lesen - wissen - vorsorgen)

Ich bin damals oft gefragt worden: "Wie habt Ihr das bloß geschafft, so viele neue, innovative Ideen zu bekommen, und wie war es möglich, so viele davon zu realisieren?" Die Antwort scheint recht einfach zu sein: Es ist uns gelungen, den Grundsatz "Keiner weiß so viel wie alle!" in die Köpfe unserer Mitarbeiter zu transportieren. Die Idee des Betrieblichen Vorschlagswesens, das richtige und vor allem effektive Management von Ideen, ist nämlich bei uns nicht einfach per Dekret von hoher Warte verordnet worden.

Unsere Mitarbeiter sind von dieser Idee durchdrungen. Sie leben sie. Merkur ist durch und durch partnerschaftlich orientiert. Das Betriebliche Vorschlagswesen ist wichtiger und unverzichtbarer Teil unserer Unternehmenskultur.

(Chart Nr.2: Firmengruppe Merkur Thorhauer - Produktlinien)

Damit Sie wenigstens im Großen und Ganzen wissen, womit wir uns beschäftigen, ein paar kurze Sätze zu unserer Unternehmensgruppe. Unser Beruf ist die Kommunikation. Wir handeln nämlich mit Zeitungen und Zeitschriften und liefern sie regional an den Einzelhandel. Auf Bundesebene beliefern wir Abonnenten mit Zeitungen und Zeitschriften. Darüber hinaus helfen wir Verlagen, aber auch Handel und Industrie bei der Distribution von Printmedien. Dies sind, wie Sie wissen, alles Aufgaben, die auch im öffentlichen Interesse liegen, denn mit unserer Arbeit, mit dem Zur-Verfügung-Stellen eines breiten, vielfältigen Presseangebotes leisten wir auch einen wesentlichen Beitrag zur freien Meinungsbildung, die von unserem Grundgesetz ausdrücklich garantiert wird.

Außerdem arbeiten wir im Vorsorgebereich bundesweit als unabhängiger Vermittler von Versicherungen. Auch diese Aufgabe lebt vom offenen Dialog mit unseren Kunden und Versicherungspartnern. Durch breit angelegte private Vorsorge leisten wir unseren nicht unwesentlichen Beitrag zur sozialen Sicherheit. Und privat finanzierte soziale Sicherheit wird angesichts der demographischen Entwicklung und der damit verbundenen ungewissen Zukunft des Systems unserer Renten immer wichtiger.

(Chart Nr 3: Partnerschaft im Unternehmen)

Das Betriebliche Vorschlagswesen bei Merkur ist eingebettet in eine ausgeprägte partnerschaftliche Unternehmenskultur. Diese Partnerschaft umfaßt bei uns ausdrücklich die Zusammenarbeit zwischen den Mitarbeitern und deren Interessenvertretern auf der einen Seite und dem Management unseres Hauses auf der anderen. Dazu gehört aber auch die permanente Kommunikation auf der Grundlage offener Informationen. Ganz wesentlich ist schließlich auch die Einbeziehung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Entscheidungsprozesse auf allen Ebenen.

Und damit sind wir dann wieder beim Betrieblichen Vorschlagswesen das - gemessen an der über 60-jährigen Firmengeschichte - verhältnismäßig jung ist. Es wurde vor fast zwölf Jahren durch eine Betriebsvereinbarung zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat ins Leben gerufen in der ausdrücklich auch schriftlich fixierten Absicht, damit ein Modell der Mitbestimmung am Arbeitsplatz zu realisieren.

Wir wollten damals mit dem Betrieblichen Vorschlagswesen eine wichtige Institution für die Gestaltung von Freiräumen schaffen und damit dem einzelnen kreativen Spielraum für seine Aufgabe geben. Der Mitarbeiter sollte in den unternehmerischen Erfolg seiner Firma eingebunden werden. Damals übernahmen wir zusätzlich das notwendige Regelwerk von Bertelsmann, einem multinationalen Unternehmen, das indessen über ausgeprägte mittelständische Strukturen verfügt.

Inzwischen steht unser BVW auf eigenen Füßen. Merkur hat sich als lernende Organisation erwiesen, wobei ich auf die kürzlich von der FAZ angestoßene Diskussion hier nicht näher eingehen möchte, ob es sich nämlich bei diesem Begriff nur um ein Wundermittel oder einen Etikettenschwindel handelt. Die lernende Organisation, da stimme ich der FAZ durchaus zu, kann weder als Seminararznei verabreicht, noch als Rezept konsumiert werden Was man dazu braucht, ist eine offene Unternehmens- und Organisationskultur und eine ebenso offene Führung, die in der Lage ist, auch Fehler zuzulassen. Diese Voraussetzungen haben wir bei Merkur geschaffen und bemühen uns um weitere Optimierung in einem permanenten Prozeß.

(Chart Nr.4: Betriebliches Vorschlagswesen der Firmengruppe Merkur)

Daß diese Arbeit Früchte trägt, läßt sich auch an Zahlen ablesen. Waren es 1986 gerade einmal acht Vorschläge, die wir registrieren konnten, ging es mit 20 neuen Ideen ein Jahr später ganz langsam aufwärts. Der große Durchbruch gelang in unserem Jubiläumsjahr 1991, als Merkur 60 Jahre alt wurde. Damals beteiligten sich nahezu 40 Prozent aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das heißt fast jeder Zweite machte mit und reichte wenigstens einen Vorschlag ein.

Das Jahr der Denkerpreisverleihung, die auf den Daten von 1996 basiert, brachte dann noch einmal Rekordergebnisse. Bei einer Stammbelegschaft von 203 Mitarbeitern zählten wir 396 Vorschläge. Jeder Mitarbeiter beteiligte sich also im Durchschnitt mit zwei Vorschlägen.

Die Statistik für das vergangene Jahr, die mir vor ein paar Tagen vorgelegt wurde, weist noch bessere Zahlen aus: 449 Vorschläge wurden eingereicht, wobei die Vorschläge, die mit einer Prämie bis zu 200 Mark bedacht wurden, den Löwenanteil darstellen.

So sehr wir uns natürlich darüber freuen, wenn wir Vorschläge erhalten, die für den Einreicher, aber auch für unsere Unternehmensgruppe ordentlich zu Buche schlagen, so sehr legen wir aber auch Wert auf kleine und kleinste Vorschläge und fördern sie auch in unserem System der Honorierung ganz besonders. Die Tatsache, etwas am eigenen Arbeitsplatz bewirkt zu haben, positive Veränderungen herbeigeführt zu haben, die auch anerkannt werden, setzt bei unseren Mitarbeitern nämlich ungeahnte Energie frei.

Nach unserem Verständnis des Betrieblichen Vorschlagswesens - und all unsere Erfahrungen stützen die Richtigkeit dieser Auffassung - ist es nämlich besser, bei hundert Abläufen im Unternehmen eine jeweils einprozentige Verbesserung zu erreichen, als bei einem Problem eine hundertprozentige Verbesserung.

Warum machen nun die Mitarbeiter bei uns ihre Vorschläge? Ist es allein die Geldprämie, die lockt? Die Aussicht, eine schöne Reise oder ein paar Sachprämien gewinnen zu können? Diese Fragen und viele andere im Bereich des Betrieblichen Vorschlagswesens haben uns natürlich brennend interessiert. Denn nur derjenige kann ein komplexes System wie das Ideenmanagement verbessern, der zuverlässige und solide Daten dazu hat.

Wir haben daher vor kurzem eine große Fragebogenaktion unter unseren Mitarbeitern durchgeführt, bei der die Teilnahme freiwillig und absolute Anonymität gewährleistet war. Die Auswertung dieser Aktion wird gerade abgeschlossen, und wir werden die Ergebnisse dieser Befragung in Kürze publizieren und so einem größeren Kreis von Interessenten zugänglich machen. Für uns jedenfalls war ganz erstaunlich, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich an dieser freiwilligen Aktion beteiligt haben. Immerhin konnten wir einen Rücklauf von rund 50 Prozent verzeichnen.

Und es ist keineswegs nur das Geld oder die Aussicht auf einen Gewinn, der unsere Belegschaft motiviert mitzumachen. So finden sich bei der Frage, warum Verbesserungsvorschläge gemacht werden, auch Antworten wie: "... weil ich gerne bei Merkur arbeite", "... weil ich es zu etwas bringen will", "...weil Verbesserungsvorschläge die Arbeit erleichtern", "... ich habe gute Erfahrungen mit Verbesserungsvorschlägen gemacht", oder "... ich zeige gern, was ich kann", und schlußendlich "... ich kann meinen Arbeitsplatz mitgestalten".

Derjenige, der beim BVW mitmacht, ist also kreativ, ist jemand, der bei dem, was er tut, mitdenkt. Er ist jemand, der die Dinge nicht einfach so laufen läßt, sondern sich ganz offensichtlich bewußt ist, daß er für die Arbeit, die er macht, auch selbst verantwortlich ist. Unser typischer BVW-Macher wird selbst aktiv, wenn er sieht, daß etwas nicht so läuft, wie es laufen sollte. Natürlich spielen auch die materiellen Anreize eine Rolle. Und wir denken, das ist auch gut so. Denn wer Besonderes leistet, soll dafür auch besonders belohnt werden.

(Chart Nr.5: Das BVW-Prämiensystem bei Merkur)

Und auch, was die finanziellen Anreize angeht, haben wir uns eine ganze Menge einfallen lassen: Bei Verbesserungsvorschlägen, die zu einer konkret berechenbaren Ersparnis für das Unternehmen führen, erhält der Vorschlagende eine Prämie, die 25 Prozent der Summe beträgt, die im ersten Jahr nach der Realisierung des Vorschlages eingespart werden kann. Auch Vorschläge, die nicht direkt zu einer in Mark und Pfennig zu ermittelnden Ersparnis führen, können honoriert werden, wenn sie einen Vorteil für das Unternehmen zur Folge haben.

Diese Prämien sind in der Höhe gestaffelt, je nachdem, ob der Vorschlag den einzelnen Arbeitsplatz, die ganze Abteilung oder die ganze Firma oder die Unternehmensgruppe insgesamt tangiert. Zielen solche Vorschläge auf die Sicherheit, die Unfallverhütung oder die Verbesserung des Umweltschutzes, gibt es einen Zuschlag auf die Grundprämie von 50 Prozent.

Neben diesen grundsätzlich zu zahlenden Prämien haben wir ein System geschaffen, das den Anreiz zum Mitmachen und vor allem zum Weitermachen bei kleinen Vorschlägen, und demzufolge kleinen Prämien, erhöhen soll. Bei der Gewährung von Prämien bis zu 1.000 Mark gibt es nämlich außerdem in der Höhe gestaffelte Prämienpunkte, die ebenfalls einen Geldwert repräsentieren. Dabei werden diese Punkte im Rahmen eines Progressionssystems immer wertvoller, je mehr man davon hat.

Diese Punkte kann man sich einmal im Jahr auszahlen lassen. Man kann aber auch weitermachen und so den Progressionseffekt nutzen. Das Punktekapital - und das ist die dritte Möglichkeit - können die Mitarbeiter auch in Genußrechtskapital unserer Firmengruppe umwandeln lassen. Vorteil dabei ist die attraktive Verzinsung dieser Beträge, die in den letzten Jahren bei durchschnittlich 12 bis 15 Prozent lag. Von dieser Möglichkeit machen übrigens die meisten Punkteinhaber Gebrauch.

Zu den Anreizen, bei denen materielle Dinge nicht im Vordergrund stehen, gehört die jährliche BVW-Party. Dazu werden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingeladen, die Vorschläge beigesteuert haben. Neben den geselligen Aspekten dieser Veranstaltung gibt es eine ganze Menge von Sachprämien zu gewinnen, die unter allen Mitarbeitern verlost werden, gleichgültig, ob ihr Vorschlag bedeutend oder weniger bedeutend war, ob er angenommen oder abgelehnt wurde.

Zur Zeit planen wir die Gründung eines firmeninternen "Club der Denker", in den diejenigen aufgenommen werden sollen, die in besonderer Weise zum Erfolg unseres Vorschlagswesens beigetragen haben.

Wie Sie sehen, tun wir also eine ganze Menge für den Erfolg unseres Ideenmanagements. Und seit der Verleihung des Denkerpreises an Merkur im Oktober letzten Jahres hat die Beteiligung noch in ganz erstaunlicher Weise zugenommen. Das liegt sicherlich nicht nur an der firmeninternen Werbung, die wir natürlich auch für unser BVW machen. Es gibt eigene Plakate, Beiträge in unserer Firmenzeitschrift ,,merkur intern", eigene Schaukästen in den verschiedenen Betriebsstätten.

Es liegt sicher an der auch überregionalen Berichterstattung über die Verleihung des Denkerpreises, daß die Akzeptanz des BVW noch einmal zusätzlich verstärkt wurde. Es mangelt also nicht an Engagement und Energie, Innovationen zu schaffen. Insofern sind wir den Forderungen, die vor allem von politischer Seite an die Wirtschaft gerichtet werden, längst nachgekommen.

"Mehr fröhliche Lust auf Zukunft statt Jammern über die Gegenwart" hat unser Bundespräsident Roman Herzog vor kurzem in Berlin von Wirtschaft und Gesellschaft gefordert. Wir werden auch künftig unseren Beitrag zur Erfüllung dieser Forderung leisten. Wir denken aber auch, daß sich die Politiker nicht nur darauf beschränken sollten, solche Forderungen zu erheben. Auch sie sollten sich weiter darum bemühen, ein innovationsfreundliches Klima zu schaffen.

Dazu paßt es meines Erachtens nicht, daß die steuerliche Begünstigung von Prämien für Verbesserungsvorschläge vor fast zehn Jahren mit Wirkung vom 1. Januar 1989 abgeschafft wurde. So werden Prämien für Verbesserungsvorschläge mittlerweile wieder der ganz normalen Besteuerung unterworfen,. Das stellt für die kreativen Mitarbeiter, die sich ganz besonders anstrengen, einen sehr bitteren Wermutstropfen dar.

Damit sich "Leistung wieder lohnt", sollte der Gesetzgeber ernsthaft darüber nachdenken, solche Prämien von der Besteuerung auszunehmen oder sich zumindest mit einer pauschaulen Besteuerung zufriedengeben, wobei wir einen Satz von 20 Prozent für ausreichend und zugleich leistungsfördernd halten. Merkur ist jedenfalls ein gute Beispiel für das, was der Verleger Hubert Burda vor einiger Zeit in der ,,Wirtschaftswoche" sagte. Dort wurde er so zitiert: "Über den Erfolg einer Idee entscheidet nicht die Größe des Unternehmens, sondern sein innovativer Geist". Diesen Schuh ziehen wir uns an.

Bei Merkur sind Ideen in jedem Fall gut aufgehoben!

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